Freitag, 22. April 2016

Aus der Sicht meines Pferdes

Ich habe eine Reitbeteiligung seit nunmehr 9 Monaten. Die große heißt Tinkebell. Wer jetzt eine Elfe vermutet, liegt falsch. Sie stolpert gerne, ärgert mich, erschrickt manchmal vor kleinsten Dingen - sie ist genauso, wie ich. Deswegen passen wir gut zusammen. Gestern waren wir mal wieder im Gelände ausreiten. Und sagen wir es mal so, ihre Frühlingsgefühle sind erwacht. 

Heute ist ein wunderschöner Tag. Ich stehe auf dem Paddock und blicke über "mein Reich". Ich verstehe nur nicht, warum ich nicht endlich auf die Weide darf um das leckere Gras zu fressen! Das wird doch nur kaputt. Wer ruft mich denn da? Oh, das ist die blonde und wieder mit pinkem Pullover und der braunen Reithose. Sie hat scheinbar nichts anderes zum anziehen. Armes Ding. Ich habe zig Schabracken in allen Farben und Varianten! Da ist sie bestimmt neidisch. Aber jetzt muss ich schnell sehnsüchtig auf das Gras gucken, vielleicht öffnet sie endlich den sinnlosen Zaun und ich kann grasen. 
Nein, sie macht mir die Trense dran und zieht mich hinter sich her. Aber ich bin lieb, meistens bekomme ich ein Leckerli von ihr, also gehe ich mal mit. Doch ich gucke ganz missmutig. Das hat sie davon. 
Jetzt stellt sie mich in den Unterstand in den Schatten. Kann man das verstehen? Endlich Sonne und sie will in den Schatten. Naja, vielleicht hat sie Angst vor der Sonne? Der Pullover in pink sieht eigentlich ganz lecker aus, ich könnte daran mal knabbern... Sie schimpft mich: "Nein, Tinki, den kann man nicht essen!" Das kann sie doch gar nicht wissen! 
So, aufgesattelt wird. Scheinbar gehen wir reiten. Dazu habe ich aber so gar keine Lust. Mit sehr langsamen Schritten trotte ich los. Natürlich nicht, ohne ab und an einen Blick auf das leckere Gras zu werfen. Sie lässt die Zügel locker, das ist meine Chance! Kopf runter und losfressen. Schnell schnappe ich mir zwei Bissen, denn schon zieht sie meinen Kopf wieder hoch und will weiter laufen. 
Jetzt muss ich mir Gedanken machen, wie ich das am Besten anstelle. Sie ist sowieso abgelenkt, da ihr Hund dabei ist und der auch nicht hört, den muss sie dauernd rufen. Hunde sind komisch. Was macht man denn mit denen? Sie kann auf dem doch gar nicht reiten! So klein und schmächtig wie der ist. Ich bin eine stattliche Stute! Mit meinem glänzenden hellbraunen Fell sehe ich wunderschön aus! Vielleicht geht sie deswegen mit mir raus, damit mich andere sehen können und neidisch werden! Daran habe ich gar noch nicht gedacht. Mit hoch erhobenem Kopf und schönen großen Schritten laufe ich jetzt in einem normalen Tempo. Aber was ist das? Ein Auto? Daneben eine Wiese mit Gras!!! Ein Hüpfer nach vorne, zur Seite und Kopf runter! Geschafft. Jetzt ist sie aber erschrocken. Ich merke dass, weil sie sich anspannt und im ersten Moment gar nicht weiß, was passiert ist. Und sie spricht mit dieser ängstlichen Stimme: "Tinki, das war doch nur ein Auto, davon hast du schon mehr als genug gesehen." Meinen Plan hat sie nicht durchschaut. Es scheint zu funktionieren. Mit ihren ungelenken Füßen tippt sie in meine Seite und wir laufen weiter. Nicht, weil sie es will, sondern ich. Das Gras hat hier nicht so gut geschmeckt. 
An der Gabelung zum Wald dann eine neue Chance. Die Blätter bewegen sich so komisch. Viel zu komisch, ich muss hier weg! zwei Hüpfer nach vorne, zur Seite ausweichen, rückwärts laufen, volles Programm. Und Kopf runter. Geschafft. So ganz sicher fühlt sie sich heute nicht. Finde ich schade, ich tue ihr doch nichts. "Tinki, so geht das nicht! Komm, weiter! Wir wollen heute ein bisschen galoppieren." Meinen Kopf reiße ich hoch, als ich das höre! Oh wie schön, wir gehen zu meiner Lieblings-Galopp-Strecke! Jetzt sehe ich das erst. Vor lauter Plänen, wie ich zum Gras komme, ist mir das gar nicht aufgefallen. Ab sofort wird es Zeit, deutlich schneller zu gehen. Aber da sie schon nervös ist, fange ich mal ein bisschen das stolpern an. Da vorne kommt eine kleine Wurzel, da beginne ich - zack - sie wackelt! Fällt aber nicht herunter. Ihr Gleichgewichtssinn wird besser. Sie will einfach nicht verstehen, dass ich das mit Absicht mache, damit sie was lernt! Meine Besitzerin sagt doch immer: "Von Tinkerbell kannst du viel lernen, danach kannst du reiten!" Jetzt mache ich das und sie beschwert sich. Ein Ackergaul sei ich, ein Trampeltier. DAS lasse ich mir nicht gefallen! Erschrecken vor einem Baum - zack - Kopf runter. Hier schmeckt das Gras schon viel besser. Sie wird langsam sauer und tippt mich ärger in die Seite. Das ist so putzig. Heute soll sie auch noch Durchsetzungsvermögen lernen. Ich bewege mich also erst einmal nicht, fresse aber deutlich schneller, wer weiß, wann ich wieder so eine Chance bekomme. Gut, laufen wir weiter. Jetzt möchte sie noch schneller sein, also traben wir ein bisschen. Beim Traben ist das so: Da wir über Wurzeln und Äste traben, habe ich hier die Besten Möglichkeiten ihr so viel über das Gleichgewicht beizubringen! Besonders viel Spaß macht es mir, wenn ich meinen Kopf nach oben oder unten reiße und so tue, als würde ich die Hindernisse nicht erkennen, dann kommt sie ganz schön ins straucheln da oben. Ähmmm. So war das nicht gemeint. Ich möchte ihr nur etwas lernen! Wirklich! Was sehe ich denn da vorne? Das ist tatsächlich meine Galopp-Strecke! Es darf doch nicht wahr sein! So, anspannen, bereit machen und schneller werden. Aber jetzt bremst sie mich wieder da oben. Das ist nicht fair! Ich bin ein Arbeitstier, ich möchte ausgelastet werden! Und ich möchte meinen Spaß! Sie macht es sich einfach, sitzt da oben, sieht nicht einmal so gut dabei aus und ich habe die ganze Arbeit. Nie darf ich Spaß haben. Aber nicht mit mir. Jetzt gebe ich Gas. Das passt ihr gar nicht. Die hält sich gut im Sattel. Da vorne hängen Äste in den Weg. Da muss sie jetzt durch! Wenn ich sie verliere, dann kann ich rennen, so schnell ich will. Augen zu und durch! 
Augen wieder auf, sie sitzt immer noch auf mir, beschwert sich aber und lacht auch noch dabei. Sie LACHT?! Was soll das denn? Eigentlich bin ich selber schuld, schließlich lerne ich ihr das mit dem Gleichgewicht. Über die gesamte Situation mit ihr muss ich später in Ruhe nachdenken. Toll, jetzt machen wir wieder langsam. Ich will aber nicht! Ein bisschen angaloppieren? Nein? Das möchte sie nicht. Erst soll ich, dann wieder nicht. sie ist sich sehr unschlüssig. Menschen sind komisch. Wenn ich etwas möchte, ziehe ich das auch durch. Fressen und Schlafen, auf meiner Koppel galoppieren, und alles der Reihe nach. Nicht mal so und dann doch wieder anders und überhaupt keine Ahnung, was ich eigentlich tun soll. Die da oben ist aber schon eine ganz besondere Art. Nochmal angaloppieren, vielleicht will sie ja jetzt. Nein, möchte sie nicht. Ich füge mich meinem Schicksal. Was ist denn das? Ein Baumstamm - rückwärts gehen, Sprung nach vorne, zur Seite - zack -Kopf runter und fressen. Richtig sauer ist sie jetzt! Oh oh. Ich habe es übertrieben. Aber guck doch mal das leckere frische Gras an! Doch was höre ich? "Gleich Tinkerbell, da vorne machen wir Pause und du darfst grasen." 
Das ist Musik in meinen Ohren! Ab jetzt bin ich ein Traumpferd. Ich laufe so, wie sie es möchte, auch wenn sie sich nicht sicher ist, wie schnell oder langsam das sein soll, halte meinen Kopf wunderschön (Sie versucht das schon seit fast einer Stunde, aber da sehe ich nicht so viel), stolpere nicht mehr - nagut, einmal oder zweimal noch, weil es so lustig - ähhh für sie wichtig ist. Zum Lernen!

Endlich darf ich grasen. Yammi, das Gras ist perfekt. Sie streichelt mich und lobt mich ganz toll. Das Gras ist so unglaublich lecker an dieser Stelle! Warum probiert sie das nicht einmal! Wenn sie auf den Geschmack kommt, müssten wir vielleicht gar nicht mehr reiten, sondern könnten zusammen auf der Koppel stehen und Gras fressen. 

Den Rückweg mache ich ihr nicht so einfach. Jetzt bin ich warmgelaufen, durch das Gras voller Energie und möchte rennen! Da ich sie aber belohnen möchte, für das tolle, leckere Gras, tänzel ich nur zurück. Kein Erschrecken mehr, kein stolpern. Das tänzeln ist für sie aber sehr anstrengend, weil sie mich immer bremsen möchte. Wenn sie danach so kaputt ist, möchte sie vielleicht nicht mehr ausreiten und wir können gleich grasen. Das hört sich nach dem neuen ultimativen Plan an! Da vorne sehe ich meinen Stall. Jetzt gehe ich schön brav Schritt, die anderen sollen sie das oben schließlich nicht auslachen, wenn sie sehen, dass ich ihr nicht "gehorche". Sonst darf sie vielleicht nie mehr kommen. Und das wäre schade. Denn trotz ihrer mangelnden Fähigkeiten im Reiten, die ich durch meine Großmütigkeit ausgleiche, habe ich sie wirklich gern. Heute darf sie sogar mit mir kuscheln, obwohl ich kein Kuscheltier bin. 

Das war ein wunderschöner Nachmittag. 

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